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Entdecken Sie historische Orte mit der Frankfurt History App

Im November 2022 launchte das Historische Museum Frankfurt ein neues digitales Format: Die Frankfurt History App informiert anhand der Geschichte ausgewählter Orte über die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt am Main.

Im November 2022 launchte das Historische Museum Frankfurt ein neues digitales Format: Die Frankfurt History App informiert anhand der Geschichte ausgewählter Orte über die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt am Main. Interessierte können sich mittels einer interaktiven Karte in der Stadt orientieren und aus über 1.000 Orten nach drei Themen auswählen: Orte des Widerstands, Orte der „Volksgemeinschaft” und Orte der Verfolgung. Viele dieser Orte sind dank der App erstmals im öffentlichen Raum sichtbar.

Interaktive Karte der Frankfurt History App

Die Frankfurt History App ist Teil der digitalen Gedächtnisplattform „Frankfurt und der Nationalsozialismus”, mit der das Historische Museum Frankfurt, das Jüdische Museum Frankfurt und das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt zum ersten Mal umfangreiches Wissen zur Stadtgeschichte im Nationalsozialismus gebündelt und online verfügbar machen.

Wer hat die Frankfurt History App entwickelt?

Die Frankfurt History App wird vom Historischen Museum Frankfurt betreut und bietet eine offene Plattform für Initiativen, Vereine, Museen und Archive, die eigene ortsbezogene Recherchen öffentlich zugänglich machen wollen.

Das Projekt wurde von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen gefördert. Technisch umgesetzt wurde die App von berlinHistory e.V. nach dem Vorbild der berlinHistory App.

Ich war für die wissenschaftliche Redaktion und die historische Recherche verantwortlich und habe die Texte zu Orten des Widerstands, Orten der „Volksgemeinschaft” und Orten der Verfolgung verfasst. Die Beiträge sind einfach verständlich geschrieben und bieten kompaktes Wissen zur Geschichte der Orte.

Frankfurt History App auf dem Smartphone

Welche Informationen bietet die App?

Ziel des Projektes ist es, einen zeitgemäßen, mobilen und inklusiven Zugang zu schaffen, der den Anforderungen einer diversen Stadtgesellschaft gerecht wird und eine multiperspektivische Auseinandersetzung ermöglicht.

Sie können selbst wählen, ob Sie gezielt Orte aufsuchen, zum Beispiel ehemalige Bunkeranlagen, oder sich mithilfe der interaktiven Karte und geobasierter Daten anzeigen lassen, welche Orte des Nationalsozialismus sich in Ihrer Nähe befinden.

Zu vielen der Orte stellt die App außerdem historische Fotografien bereit. So wird historisches Wissen dank des Ortsbezugs konkret und ermöglicht auch dank der zahlreichen Biografien, die im Rahmen des Projektes recherchiert wurden, eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus.

Als zweites zentrales Feature bietet die App Stadtrundgänge, beispielsweise zu „Erinnern an die NS-Euthanasie am Gräberfeld Hauptfriedhof”. Drittens stellt die App vertiefende Informationen zu den Verfolgtengruppen und einzelnen Biografien bereit.

Was erfahre ich über die Geschichte Frankfurter Jüdinnen und Juden?

Zur Rubrik „Orte der Verfolgung” zählen jüdische Institutionen (Synagogen, Krankenhäuser und Schulen) sowie Privathäuser und Unternehmen von Bürgern und Bürgerinnen, die als Juden verfolgt wurden.

Dazu zählen bekannte Fälle wie der Mäzen Dr. Arthur von Weinberg (Villa Buchenrode, Niederräder Landstraße 38) oder der Sammler Maximilian Freiherr von Goldschmidt-Rothschild (Rothschild-Palais, Bockenheimer Landstraße 10), aber auch bislang unbekannte Schicksale wie das der polnischen Familie Felsen (Waldschmidtstraße 99), die im Oktober 1938 nach Polen abgeschoben wurde.

Die Ereignisse der Novemberpogrome 1938 werden am Beispiel der Zerstörung von Synagogen und Geschäften sowie anhand von Orten wie der Festhalle thematisiert, wo zahlreiche jüdische Männer vor ihrer Deportation festgehalten wurden.

Detailansicht der Frankfurt History App

Die Familie Wiesengrund

In der Schönen Aussicht 7 befand sich bis 1939 die Weingroßhandlung der Familie Wiesengrund. Sie war bereits 1822 gegründet worden und wurde in dritter Generation von Oskar Alexander Wiesengrund geleitet. Oskars Sohn war der Philosoph Theodor Wiesengrund Adorno, der einen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt innehatte.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er zwangsbeurlaubt. Im September 1933 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen. Bald darauf emigrierte er nach England. Er lebte bis 1937 in Oxford und ging dann in die USA.

Während der Pogrome randalierten am 9. November 1938 vermutlich Angehörige der SA und der SS in der Weinhandlung. Sie verwüsteten die Räume, demolierten die Einrichtung und zerstörten das große Weinlager. Ein Zeuge berichtete, dass antike Uhren und Schränke sowie zwei Ölgemälde zerstört wurden. Auch drei Weinfässer mit je 5.000 Litern Wein wurden beschädigt, sodass 11.000 Liter Wein ausliefen.

Oskar und seine Frau Maria Calvelli-Adorno waren zu diesem Zeitpunkt in ihrem Haus in Oberrad. Sie wurden in ihrem Zuhause angegriffen und verhaftet. Nach seiner Freilassung begann Oskar Wiesengrund, seine Firma aufzulösen. Der Weinwirtschaftsverband zwang die Familie Anfang Dezember 1938, das Geschäft einzustellen.

Seiner Lebensgrundlage beraubt, versuchte das Ehepaar eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Diese wurde ihnen verweigert, denn erst sollten sie die sogenannte Judenvermögensabgabe und die sogenannte Reichsfluchtsteuer bezahlen. Die Forderung des Finanzamts belief sich auf etwas mehr als 110.000 Reichsmark.

Im April 1939 konnte das Ehepaar schließlich über Kuba in die USA auswandern. Oskar starb 1946, Maria 1952 in New York. Anfang der 1960er Jahre forderte Theodor Wiesengrund Adorno erfolgreich Entschädigungen für den enormen finanziellen Schaden ein, der seinen Eltern zugefügt worden war.

Was erfahre ich über Zwangsarbeit?

Derzeit gibt es ungefähr 600 Hinweise auf Orte im Frankfurter Stadtgebiet, an denen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einquartiert oder beschäftigt waren. Die interaktive Karte der Frankfurt History App macht das Ausmaß des Lagersystems in Frankfurt sichtbar.

Frankfurt History App – Ortsansicht

Die App nutzen

Die Frankfurt History App ist kostenlos verfügbar für Android und iOS. Sie lässt sich sowohl auf eigene Faust als auch im Rahmen von Führungen und schulischen Projekten nutzen.

Bei Fragen zur Recherche oder wenn Sie Unterstützung benötigen – nehmen Sie gerne Kontakt auf.

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